Bräuche in Westböhmen: Advent / Spinnabende
Das Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) hat im Frühsommer 2011 gemeinsam mit dem Ethnografische Museum Pilsen (Národopisné muzeum) die Ausstellung "Sitten und Bräuche in Westböhmen" realisiert. Sie informierte zweisprachig über die Traditionen und Bräuche in der Region Pilsen im Verlauf eines Kalenderjahres. An dieser Stelle veröffentlicht das CeBB die Ausstellungstexte passend zur jeweiligen Jahreszeit.
Advent
Die Adventszeit fing bereits nach dem letzten Tanzfest am Katharina-Tag (25.11.) an, als eigentlicher Beginn der Adventszeit wird der Andreas-Tag (30.11.) angesehen. Im christlichen Verständnis war die Adventszeit eine friedliche Zeit, in der die Familie mehr Zeit gemeinsam verbringen konnte und die langen Abende mit dem Erzählen von Geschichten füllte. Ein Brauch gläubiger Christen war die Teilnahme an morgendlichen Gottesdiensten, den sog. Rorate-Messen. Zu den Rorate-Messen nahmen vor allem Frauen sog. Rorate-Kerzen mit, die in Form eines Buches, Rings o.ä. zusammengewickelt wurden, und die die gesamte Adventszeit über jeden Tag angezündet wurden.
Umzüge und Gänge von Haus zu Haus
Neben dem religiös gefeierten Advent wurden während der Winterzeit (insbesondere in der Volkskultur) an den oben erwähnten Tagen auch andere Bräuche und Traditionen gepflegt. In unseren Regionen waren das vor allem Faschingsumzüge mit Maskierten, die entweder einzeln oder in Gruppen nacheinander alle Häuser besuchten. Die Masken hatten entweder die Gestalt von Menschen oder Tieren. In Böhmen war es Tradition, dass weiß gekleidete Barbaras am Barbara-Tag (4.12.) die Kinder beschenkten. Diese Barbaras waren ganz in weiß gekleidete Frauen, die still von Haus zu Haus gingen. In einer Hand hatten sie eine Rute um ungehorsame Kinder zu bestrafen und in der anderen einen Korb mit Süßigkeiten für die braven Kinder. Ein traditioneller Brauch ist auch das Abschneiden eines Kirschbaumzweiges, des sog. Barbarazweiges. Wenn der Zweig eines Mädchens aufblüht, so wird es im nächsten Jahr heiraten. Seit dem 19. Jahrhundert schätzen die Mädchen nach der Anzahl der aufgeblühten Blätter am Zweig, in wie viel Jahren sie heiraten werden. Die Neigung des Zweiges gibt Auskunft darüber, aus welcher Richtung der Bräutigam kommt. Am Vorabend des Nikolaus-Tages, also am 5.12., gab es einen Umzug mit einem verkleideten Nikolaus, einem Engel und einem Teufel. Am 6. Dezember fand der Nikolaus-Markt statt, wo verschiedene Waren – von kleinen Figürchen bis zu Teufelchen aus Pflaumen – verkauft wurden. Bis heute wird in einigen Familien auch die Herstellung von sog. Igeln oder Welten aufrechterhalten, wobei Äpfel mit Pflaumen, kandierten Früchten u.ä. dekoriert werden. Am Lucia-Tag (13.12.) gingen weiß gekleidete Mädchen, die „Lucias“, von Haus zu Haus. In der Hand hielten sie das symbolische Messer und Schleifstäbe aus Holz. Damit drohten sie den Kindern. Sie kontrollierten die Reinheit der Häuser und auch das Spinnverbot, denn die Hl. Lucia war die Patronin der Spinnkunst. Wer am Lucia-Tag spann, dem brachten die „Lucias“ die Garnstränge durcheinander oder verteilten die Utensilien überall im Haus. Ursprünglich wurde an diesem Tag auch die Sonnenwende gefeiert, die sich jedoch mit der Kalenderreform um 10 Tage verschob. Das Sprichwort: „Lucia trinkt von der Nacht“ ist allerdings erhalten geblieben.
Spinnabende
Die Adventszeit ist im Volk gleichbedeutend mit der Winterzeit, die durch Hausarbeiten und der Erholung von den landwirtschaftlichen Tätigkeiten geprägt ist. In dieser Zeit wurde auf dem Lande meistens Wolle gesponnen, Federn geschlissen, Schindeln geraspelt, Weidenseile geflochten, Besen gebunden usw. Während dieser Spinnabende kamen die Leute zusammen und sehr oft hatten diese Treffen nichts mit unserer Vorstellung von einer friedlichen Adventszeit gemein. Es gibt eine Vielzahl von Belegen über Verbote mittelalterlicher Sittenrichter, die die Karnevalsumzüge, Maskenumzüge, Heiterkeit, Essensgelage und die Trinkerei kritisierten. Die Pflicht, während der Adventszeit zu fasten, war im Mittelalter nicht allgemein verbreitet. Im Laufe der Zeit setzten sich die christlichen Inhalte gegenüber den heidnischen Bräuchen durch.
Texte: Daniel Bechný, Abteilung für Volkskunde, Westböhmisches Museum in Pilsen
Die Ausstellung kann ausgeliehen werden.
Ansprechpartner für Interessenten:
Maika Victor
Tel.: +49(0)9674 – 92 48 77
maika.victor@cebb.de





